Jetlag vermeiden: Tipps gegen die Zeitumstellung

Erholte reisende Person am Flughafenfenster im Morgenlicht mit Kaffee

Der Körper braucht ungefähr einen Tag pro überflogener Zeitzone, um sich neu einzutakten – bei sechs Stunden Zeitverschiebung wärst du also fast eine Woche neben der Spur, wenn du nichts tust. Ohne Gegenmaßnahmen verschiebt sich der zirkadiane Rhythmus, also die innere Uhr, nach Westflügen im Schnitt um 92 Minuten pro Tag und nach Ostflügen nur um 57 Minuten pro Tag (Eastman & Burgess, Sleep Medicine Clinics 2009). Wer Jetlag vermeiden will, hat dabei vor allem einen Hebel: Wann du dich hellem Licht aussetzt und wann du es meidest.

Hier bekommst du eine praktische Anleitung – vor dem Abflug, im Flieger und in den ersten Tagen am Ziel. Ohne Wundermittel, dafür mit den Hebeln, die in Studien tatsächlich etwas bewegen.

Warum Jetlag entsteht – und warum Ostflüge härter sind

Unsere innere Uhr, der zirkadiane Rhythmus, richtet sich vor allem nach dem Tageslicht. Fliegst du über mehrere Zeitzonen, passt dieser Rhythmus plötzlich nicht mehr zur Ortszeit: Du bist müde, wenn alle wach sind, und hellwach, wenn das Zielland schläft. Dazu kommen Konzentrationsschwäche, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen.

Ein wichtiger Punkt für die Planung: Flüge nach Osten machen den meisten Menschen mehr zu schaffen als Flüge nach Westen. Der Grund ist simpel. Nach Osten verkürzt sich dein Tag, du müsstest also früher einschlafen – und die innere Uhr lässt sich schwerer vorstellen als zurückstellen. Nach Westen wird der Tag länger, und länger wachbleiben fällt fast allen leichter. Genau das zeigen auch die Messwerte oben: 92 Minuten Verschiebung pro Tag nach Westen gegenüber 57 Minuten nach Osten – der Ostflug kostet dich also fast doppelt so viele Tage.

Vor der Reise Jetlag vermeiden: die innere Uhr vorbereiten

Jetlag vermeiden beginnt zuhause, nicht am Gate. Wer ausgeruht und nicht gestresst in den Flug startet, verkraftet die Umstellung deutlich besser.

  • Schlafkonto auffüllen: In den Nächten vor dem Flug ausreichend schlafen, statt übermüdet und mit Reststress loszufliegen.
  • Schrittweise verschieben: Geht es nach Osten, in den zwei bis drei Tagen davor jeweils eine Stunde früher ins Bett und früher aufstehen. Nach Westen genau umgekehrt – später schlafen, später aufstehen. Schon ein oder zwei vorverlegte Tage reduzieren den späteren Jetlag messbar (Eastman & Burgess).
  • Licht mitverschieben: Das Vorverlegen funktioniert nur mit passendem Licht – morgens direkt nach dem Aufstehen hell, abends gedimmt. Ohne diesen Teil bleibt die innere Uhr stehen, auch wenn du früher im Bett liegst.
  • Flug clever legen: Wenn möglich einen Flug wählen, der am Ziel abends ankommt. Dann bringst du den Körper direkt in die Nachtruhe des Ziellandes.

Während des Flugs: Uhr umstellen, sparsam mit Reizen

Sobald du im Flieger sitzt, gilt die Zielzeit. Stell die Uhr um und richte Schlaf, Wachsein und Mahlzeiten so gut es geht danach aus.

  • Viel Wasser trinken: Die trockene Kabinenluft entzieht dem Körper Flüssigkeit, und Dehydrierung verstärkt das Jetlag-Gefühl.
  • Alkohol meiden: Der Kabinendruck auf Reiseflughöhe entspricht rund 2.438 Metern über dem Meer. In einer Unterdruckkammer-Studie mit 40 gesunden Erwachsenen fiel die Sauerstoffsättigung im Schlaf nach moderatem Alkohol (0,043 % Blutalkohol) auf median 85,3 % statt 88,1 % ohne Alkohol, der Puls stieg von 72,9 auf 87,7 Schläge pro Minute (Trammer et al., Thorax 2024). Der Sekt zum Start ist also keine gute Idee.
  • Kaffee nur früh im Zieltag: 400 mg Koffein stören den Schlaf noch sechs Stunden vor dem Zubettgehen messbar (Drake et al., J Clin Sleep Med 2013) – rechne die Zielzeit mit, nicht die Bordzeit.
  • Nach Zielzeit schlafen: Ist es am Ziel Nacht, versuche zu schlafen – mit Schlafmaske, Nackenkissen und Ohrstöpseln. Ist am Ziel Tag, bleib wach.
  • Bewegen: Ab und zu aufstehen und ein paar Schritte gehen hält den Kreislauf in Schwung und beugt Verspannungen vor.

Am Ziel: Licht ist dein stärkster Hebel

Tageslicht ist das wirksamste Signal, um die innere Uhr neu zu stellen – wenn du es zur richtigen Zeit einsetzt. Die Faustregel richtet sich nach der Flugrichtung:

  • Nach Osten geflogen: Suche vor allem am Vormittag helles Tageslicht und meide grelles Licht am späten Abend. Das schiebt die innere Uhr nach vorne.
  • Nach Westen geflogen: Hol dir Licht am Nachmittag und frühen Abend und leg dich nicht zu früh ins abgedunkelte Zimmer. Das verzögert die Uhr und hilft dir, später müde zu werden.

Wichtig ist der Unterschied zwischen drinnen und draußen: Am Arbeitsplatz reichen nach den Arbeitsstättenregeln oft 500 Lux, während selbst ein trüber Novembertag im Freien rund 5.000 Lux liefert und pralle Sonne bis zu 100.000 Lux (DGUV Information 215-210). Ein Spaziergang vor dem Frühstück wirkt deshalb um ein Vielfaches stärker als helles Zimmerlicht. Wo Tageslicht fehlt – etwa im nordischen Winter –, arbeiten Schlafforscher mit Lichtboxen um 5.000 Lux in den ersten dreieinhalb Stunden nach dem Aufwachen.

Eine Regel, die viele nicht kennen: Bis etwa sieben Zeitzonen nach Osten lohnt es sich, die innere Uhr vorzuverlegen. Ab acht Zeitzonen ostwärts ist es meist leichter, sie stattdessen zurückzudrehen – also den Körper wie bei einem Westflug zu behandeln (Eastman & Burgess). Wer bei einem Zwölf-Stunden-Sprung stur morgens Licht sucht, kann die Anpassung sogar in die falsche Richtung schieben.

Jetlag vermeiden gelingt am besten, wenn du das mit einem festen Tagesablauf kombinierst: Nimm die Mahlzeiten zur ortsüblichen Zeit ein, geh raus, triff dich mit Menschen, mach leichte Bewegung. All das sind Zeitgeber, die dem Körper zeigen, wann Tag ist.

So sieht ein Plan für einen Ostflug über sechs Zeitzonen aus

Beispiel Frankfurt–Dubai, Ankunft am frühen Morgen Ortszeit. Der Plan verschiebt die innere Uhr schon vor dem Abflug ein Stück und nutzt danach das Licht in die richtige Richtung.

  1. Drei Tage vorher: Jeden Tag eine Stunde früher ins Bett und eine Stunde früher aufstehen. Direkt nach dem Aufstehen 30 bis 60 Minuten nach draußen.
  2. Zwei Tage vorher: Abends ab etwa zwei Stunden vor dem (neuen) Schlafengehen Deckenlicht runter, Bildschirme dimmen.
  3. Flugtag: Uhr beim Einsteigen auf Zielzeit stellen. Kein Alkohol, letzter Kaffee spätestens sechs Stunden vor der geplanten Bordschlafphase.
  4. Ankunftstag: Nicht ins Hotelbett fallen. Frühstück zur Ortszeit, danach raus ins Vormittagslicht. Wenn es gar nicht geht: ein Nickerchen von zehn Minuten, nicht mehr.
  5. Abend 1: Ab dem späten Nachmittag helles Licht meiden, ab 21 Uhr Ortszeit gedämpft. Schlafen zur Ortszeit, auch wenn es zieht.
  6. Tage 2 und 3: Jeden Morgen früh raus. Nach dieser Rechnung fehlen dir nach zwei bis drei Tagen noch ein bis zwei Stunden – deutlich weniger als die knapp sechs Tage, die dein Körper ohne Plan bräuchte.

Kurze Nickerchen richtig einsetzen

Ganz auf den Schlaf zu verzichten, ist am ersten Tag oft unrealistisch. Ein kurzes Nickerchen ist erlaubt – aber mit Maß. Im direkten Vergleich verschiedener Nickerchen-Längen schnitt eines von zehn Minuten am besten ab: fünf Minuten brachten kaum etwas, nach 30 Minuten folgte zuerst ein Leistungseinbruch durch die Schlaftrunkenheit (Brooks & Lack, Sleep 2006). Leg dich außerdem nicht am späten Nachmittag hin, sonst findest du abends keinen Schlaf. Der eigentliche Nachtschlaf sollte immer nach Zielzeit stattfinden, auch wenn du erst nach einigem Wälzen einschläfst.

Melatonin: wann es sinnvoll ist

Das Hormon Melatonin steuert unseren Schlaf-Wach-Rhythmus mit. Als kurzfristige Einnahme kann es die Anpassung unterstützen, vor allem bei Ostflügen über mehrere Zeitzonen. Der Cochrane-Review von Herxheimer und Petrie wertete zehn randomisierte Studien aus: Melatonin, kurz vor der Zielschlafenszeit eingenommen, verringerte den Jetlag bei Flügen über fünf oder mehr Zeitzonen, die Number needed to treat lag bei 2 (Cochrane Database of Systematic Reviews 2002).

Für die Praxis wichtiger als die Menge ist das Timing: Dosen zwischen 0,5 und 5 mg wirkten in dieser Auswertung ähnlich gut, mehr als 5 mg brachten keinen Zusatznutzen, und zur falschen Tageszeit eingenommen macht Melatonin schlicht müde und verzögert die Anpassung. Die EU hat dazu einen eigenen Werbeclaim zugelassen: „Melatonin trägt zur Linderung der subjektiven Jetlag-Empfindung bei“ darf nur verwendet werden, wenn eine Portion mindestens 0,5 mg enthält und am ersten Reisetag kurz vor dem Schlafengehen sowie an den ersten Tagen nach der Ankunft eingenommen wird (Verordnung (EU) 432/2012, zitiert in der BfR-Stellungnahme 42/2024).

Wichtig: Melatonin ist kein Muss und ersetzt die Lichtstrategie nicht – am stärksten wirken beide zusammen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung weist darauf hin, dass es für Nahrungsergänzungsmittel keine gesetzlichen Höchstmengen für Melatonin gibt, dass Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen und nachlassende Aufmerksamkeit bis in den Folgetag reichen können und dass Kinder und Jugendliche, Schwangere und Stillende sowie Menschen mit Leber- oder Nierenerkrankungen besonders vorsichtig sein sollten (BfR-FAQ, 08.08.2024). Der Cochrane-Review nennt zusätzlich Einzelfallberichte bei Epilepsie und unter dem Gerinnungshemmer Warfarin. Kläre die Einnahme deshalb mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab, besonders bei bestehenden Erkrankungen, in der Schwangerschaft oder bei Kindern.

Diese Fehler verlängern den Jetlag

  • Nach der Ankunft ins Bett fallen: Ein langer Vormittagsschlaf am Ankunftstag zementiert die alte Uhrzeit. Besser: Licht, Bewegung, Essen zur Ortszeit.
  • Licht zur falschen Zeit: Nach einem Ostflug über acht oder mehr Zeitzonen trifft dich das Morgenlicht biologisch noch „vor“ deinem Tiefpunkt – es dreht die Uhr dann in die falsche Richtung.
  • Alkohol als Einschlafhilfe: Er verkürzt zwar die Einschlafzeit, zerstückelt aber die zweite Nachthälfte – und in der Kabine drückt er zusätzlich die Sauerstoffsättigung.
  • Den ganzen Tag drinnen bleiben: Konferenzraum, Hotellobby, Flughafen-Terminal: alles Zimmerlicht. Ohne echtes Tageslicht fehlt dem Körper das entscheidende Signal.
  • Alles auf Melatonin setzen: Ohne Lichtplan verpufft der Effekt weitgehend, und die Wirkung hängt am Einnahmezeitpunkt.
  • Am ersten Tag volles Programm: Wichtige Termine, Prüfungen oder lange Autofahrten am Ankunftstag sind riskant, weil Reaktionszeit und Konzentration messbar schlechter sind.

Wie lange dauert es, bis der Jetlag weg ist?

Als grobe Orientierung gilt etwa ein Tag Anpassung pro überflogener Zeitzone – nach Westen geht es tendenziell etwas schneller als nach Osten. Mit gezielter Licht- und Schlafstrategie lässt sich diese Zeit verkürzen: Statt der natürlichen 57 Minuten pro Tag nach Osten sind mit gut getimtem Licht rund 1,5 Stunden pro Tag realistisch, nach Westen etwa zwei Stunden. Damit ist ein Sechs-Stunden-Sprung in drei bis vier Tagen statt in knapp einer Woche abgehakt. Wenn Beschwerden ungewöhnlich lange anhalten oder du dich stark beeinträchtigt fühlst, sprich das ärztlich ab.

Quellen

Häufige Fragen

Wie lange dauert ein Jetlag?

Als Faustregel braucht der Körper etwa einen Tag pro überflogener Zeitzone, um sich anzupassen. Nach Westen geht es meist etwas schneller als nach Osten. Mit gezielter Licht- und Schlafstrategie lässt sich diese Zeit verkürzen.

Warum ist der Jetlag bei Ostflügen schlimmer?

Nach Osten verkürzt sich der Tag, du müsstest früher einschlafen. Die innere Uhr lässt sich aber schwerer vorstellen als zurückstellen: Ohne Gegenmaßnahmen verschiebt sie sich nach Ostflügen nur um rund 57 Minuten pro Tag, nach Westflügen um 92 Minuten (Eastman & Burgess 2009).

Hilft Melatonin gegen Jetlag?

Ein Cochrane-Review über zehn Studien fand einen deutlichen Effekt ab fünf überflogenen Zeitzonen, vor allem ostwärts (NNT 2). Das Timing ist wichtiger als die Dosis: 0,5 bis 5 mg wirken ähnlich, mehr bringt nichts. Einnahme ärztlich abklären.

Was hilft am besten gegen Jetlag?

Der stärkste Hebel ist Tageslicht zur richtigen Zeit: nach Ostflügen morgens, nach Westflügen am Nachmittag und frühen Abend. Dazu ausreichend trinken, Alkohol meiden und den Tagesablauf sofort nach Zielzeit ausrichten.

Sollte man nach der Ankunft schlafen?

Ein kurzes Nickerchen von 10 bis 20 Minuten ist okay, aber nicht am späten Nachmittag. Der eigentliche Nachtschlaf sollte immer nach der Zeit des Ziellandes stattfinden, damit sich die innere Uhr umstellt.

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